Textproben unserer Arbeit
Aus: Der Wassermann
Um 1.11 Uhr setzten die Wehen ein. Mutter Dina hatte tags zuvor noch gemeint, dass es wohl noch einige Zeit dauern würde, und so waren Vater Harm und Onkel Jan, Harms Bruder, allein an Bord der kleinen "Arche", eines typisch holländischen Hausbootes Marke Eigenbau. Lediglich 30 Quadratmeter Fläche stellte das Schiff den dort wohnenden Menschen zur Verfügung, aber Platz genug für einen Schlafraum mit Elternbett und zwei übereinander angeordneten Schlafkojen, einem Plumpsklo am Bug und einer gemütlichen Wohnküche, in der sich das alltägliche Leben auf kleinstem Raum abspielte.
Der kälteste Winter seit vierzig Jahren bestimmte in dieser zweiten Februarnacht den Anlauf der Geburt. Eine verschneite Landschaft und dickes Eis in den Kanälen ließen die Hoffnung auf einen Arzt oder eine Hebamme gar nicht erst aufkommen. Man war auf sich selbst angewiesen, und so begannen die beiden Brüder mit den Vorbereitungen. Sie zerrissen Bettlaken zu kleinen Streifen, kochten Wasser und holten um 2.45 Uhr Opa Hayo, Vater Harms Ernährer, aus seinen Träumen. Hayo schlief in der Hängematte dicht am wärmenden Feuer seiner Baggermaschine, als die beiden ihn weckten. Ein Weilchen später stand er am Ufer und übernahm wie zu seiner Zeit, als er in der fernen niederländischen Kolonie Indonesien das Amt eines Quartiermeisters bekleidet hatte, das gesamte Kommando. Als Medizin und zur Abwehr gegen bittere Kälte nahm er ab und zu einen "Borreltje", ein Gläschen alten Genever. Dies, so seine kühne, aber ernsthafte Behauptung, sei gut für die Nerven.
Gegen 4.15 Uhr rief Dina ihre Männer zu sich und verkündete kurz und knapp:
"Jungs, es ist so weit!"
Die Hochzeit wurde im Jahre 1924 vollzogen, vier Jahre später brachte Dina Hayo zur Welt, optisch eine Kopie von Vater Harm, aber sein Naturell entpuppte sich als komplett anders. Hayo entfaltete eine bis dahin in der Familie kaum gekannte Lernbegierde. Gleich zweimal übersprang er eine Schulklasse und arbeitete sich autodidaktisch zum Abschluss hoch. Das Aufspüren von Abenteuern, ein Wesenszug der Wierengas, verlagerte er in die Bücher. Lernen, lesen und basteln: Damit verschwendete er seine Nachmittage. Er baute mit Großvaters Hilfe kleine Dampfmaschinen, schnitzte Segelschiffe und vergrub sich in Bücher, die er sich immer und überall auslieh. So blieb er sein Leben lang ein heller Kopf, sprachbegabt, aber ohne Elan. Sicherheit, Regelmäßigkeit und Ordnung begleiteten sein Leben, das einen so ganz anderen Verlauf nehmen sollte als das seines jüngeren Bruders Abi, der schon als Kind im Schlaf seiner Unrast dadurch Ausdruck verlieh, dass er - kaum allein auf den Beinen stehend - zum Verdruss seines Bruders Hayo nachts schlafwandelte und dabei seinem älteren Mitbewohner auch schon mal auf das Kopfkissen pinkelte.
Noch heute erzählt Hayo gern diese Geschichte in einer größeren Zuhörerrunde - kann er sich doch immer sicher sein, die Lacher auf seiner Seite zu haben -, ohne zu vergessen, hämisch hinzuzufügen, dass man solche Taten von seiner Familie schließlich erwarten könne.
Aus: Meine Erinnerungen an die Tochter des Kaisers
Im Osten der Welfenstadt Braunschweig zieht sich einige Kilometer lang das idyllische Naturschutzgebiet Riddagshausen dahin. Dort befindet sich eine kleine Siedlung mit wenigen Straßen, eine davon ist die Stresemannstraße.
Im Spätherbst, wenn die Kraft der Sonne schwindet, legt sich, begünstigt durch die naheliegenden fischreichen Teiche, dichter Nebel über die Landschaft, in der ein Fremder gern die Hilfe eines Menschen sucht, der sich auskennt.
An diesem Novembertag 1956, ich war gerade 35 Jahre alt, lag eine verhaltene Spannung über der Stresemannstraße. Auch wenn ich mich von den Gerüchten, und es gab viele in diesen Tagen, nicht anstecken lassen wollte, so muss ich doch gestehen, dass mich eine leichte, kribbelnde Neugierde erfasste, die mich vor die Tür zog. Heute sollte die Herzogin in ihr Haus einziehen.
Aus: Luise Goldt aus Krone an der Brahe
Am 28. November 1995 fange ich an, mit Gottes Hilfe alles, was in meinem Leben war, aufzuschreiben. Heute bin ich 72 Jahre, 2 Tage und 2 Stunden alt. Es ist jetzt 11.00 Uhr, und um 9.00 Uhr, an einem Dienstag, am 26. November 1923, wurde ich in Bergfeld, Kreis Bromberg in Westpreußen, geboren.
Meine liebe Mutter war am 1. September 1923 vierzig Jahre alt. Ich war ihr erstes und einziges Kind. Mit Liebe und Gottvertrauen haben meine Eltern mich erwartet, obwohl die Verhältnisse zu der Zeit - und besonders auch bei meinen Eltern - überhaupt nicht gut waren.
Aus: Elbsand
In dieser Zeit des Mangels und der Sorge um das tägliche Brot war Vetter Herbert eines Tages bei Onkel Franz und Tante Berta eingeladen, freundlichen aber prinzipientreuen Menschen, die ein bewundertes und beneidetes Privileg hatten - sie waren tagtäglich von Milch, Butter, Käse und prächtigen Holsteiner Mettwürsten umgeben und konnten essen, soviel sie nur wollten. Sie führten ihren Milchladen in der Alsenstraße mit Sorgfalt in allen Dingen, bis in den letzten Winkel des Kellers war es dort peinlich sauber, die Kundschaft wurde in fleckenlos weißer Schürze mit verbindlicher Höflichkeit bedient, Kasse und Abrechnung auf das Genaueste geführt.
Herbert, damals vielleicht zehn Jahre alt und schon so schlitzohrig und charmant, wie er heute noch ist, benahm sich vorbildlich. Er machte zur Begrüßung einen zackigen Diener, er sprach nur, wenn er dazu aufgefordert wurde und antwortete mit "Ja, bitte" und "Nein, danke", wenn Onkel und Tante ihn etwas fragten. Von den Köstlichkeiten auf dem Mittagstisch wurde er nicht zu ungebührlicher Gier hingerissen, er ließ sich kleine Portionen geben, mehr Brot als Wurst und Käse, die Scheiben mit einem Hauch von Butter nur bestrichen. Herbert aß langsam, sozusagen mit Ehrfurcht; so langsam, dass die Mittagspause vorüberging und der Laden wieder die Anwesenheit von Onkel und Tante erforderte, was sie zwang, den Knaben allein am Tisch zurückzulassen, damit er aufessen könne. Später verabschiedete Herbert sich formvollendet mit Diener und Dank für das Essen, Fritz und Berta waren entzückt über den wohlerzogenen Knaben. Bis Berta den Tisch abräumte und das große Stück Butter glattstreichen wollte, um es als ordentlichen Würfel in den Vorrat zurückzustellen, und die Butter zu einer flachen Platte zusammenbrach.
Es muss wohl fast ein Pfund Butter gewesen sein, das Herbert, mit dem Überfluss allein geblieben, von unten aus dem Butterwürfel gebohrt und sich fingerdick auf wenige Scheiben Brot gestrichen hatte.
Ob sie wahr ist, diese Geschichte, das weiß ich nicht, aber sie wurde in unserer Familie oft und in vielen Variationen erzählt.